Hilde. Die war für alle da.

Porträt über Hildegard Kierblewsky (1938 – 2013)

Hilde. Die war für alle da.

Klein, weißhaarig, Dauerwelle. Das sind die Äußerlichkeiten, die Hildegard Kierblewsky beschreiben. Was sie besonders auszeichnete, war ihre ehrenamtliche Arbeit. Dafür erhielt sie sogar das Bundesverdienstkreuz.

Geboren wurde Hilde 1925 in Falkensee, nahe Berlin. Ihre Mutter verstarb früh. Mit der zweiten Frau ihres Vaters verstand sie sich nicht allzu gut. Schon immer reiste sie gerne und viel. Später verlor sie ihr Herz an die Stadt Soest. Hier sollte sie bis zu ihrem Tod bleiben. „Unser Vater war Redakteur und plante deshalb zwischenzeitlich einen Umzug nach Arnsberg”, erzählt Sabine, Hildes jüngste Tochter. Hilde wehrte sich vehement. Sie fühlte sich zu wohl in Soest.

Hilde war vor allem für ihre mütterlichen Charakterzüge bekannt. „Es war einfach ihr Ding sich um andere zu sorgen und sich zu kümmern”, erinnert sich Brigitta Heemann noch genau. Brigitta wurde Hildes Nachfolgerin und leitet den Ortsverein der AWO in Soest. Vorher hatte hier Hilde den Vorsitz inne. Für insgesamt 15 Jahre. „Hilde hat unseren Verein großgezogen und geprägt wie niemand zuvor. Sie hat kräftig Mitglieder angeworben; ist auf jeden zugegangen”, erklärt Brigitta.

Hilde rief die Kleidertauschstelle und den Basar ins Leben. Sie organisierte Seniorentreffen und Ausflüge, an denen unter anderem auch Hedwig Wimmer gerne teilnahm.

„Wir waren sehr gute Freunde”, sagt die heute 94-Jährige rückblickend. Hedwig kannte Hilde nur allzu gut. Sie selbst war Vorstandsmitglied und hatte von Anfang an viel mit Hilde und ihrem Mann zu tun. „Keine hat für uns so viel getan wie Hilde”, erzählt Hedwig. Nicht ohne Grund bekam Hilde das Bundesverdienstkreuz verliehen. Es schmückt heute im Wechsel die Wohnungen ihrer Kinder. Hedwig Wimmer wird ihre Freundin Hilde nie vergessen: „Hilde. Die war für alle da.”

Hilde war sehr gut organisiert und kannte nahezu jeden. Sie wusste, wen sie wann hinzuziehen konnte, wer zupacken konnte und auf wen Verlass war. „Das war damals ohne Computer natürlich alles eine logistische Herausforderung”, sagt Brigitta, Hildes Nachfolgerin, und ist froh, dass die Technik ihr heute die Arbeit erleichtert. „Hilde hat mir eine feste Gruppe übergeben. Ich hatte also von Anfang an die fleißigsten Helfer. Das macht mir alles leichter.”

Bevor sie sich ehrenamtlich engagierte war Hilde Hausfrau. Später war sie sogar im Stadtrat vertreten. Sie war SPD-Mitglied, was ihr durchaus half. So konnte sie viele städtische Räumlichkeiten organisieren, in denen sich die Mitglieder der AWO trafen.

„Sie brauchte eine Beschäftigung. Nur zu Hause herumsitzen, das war nichts für meine Mutter”, erzählt Sabine. Sie kann sich noch gut daran erinnern, wie sie vor den Stadtratswahlen Werbeblätter ihrer Mutter sortierte und anschließend in der gesamten Nachbarschaft verteilte.

Trotz seiner Tätigkeit als Redakteur unterstützte auch Hildes Mann sie viel. Ernst regelte die schriftlichen Angelegenheiten, Hilde ging offen auf die Menschen zu. „Die beiden haben sich wunderbar ergänzt”, schmunzelt Sabine.

Todesanzeige

Ein Nachmittag mit Hilde ohne Kuchen – unvorstellbar. Sie backte viel - das war ihr Hobby. Das Backen lernte sie in Österreich. Jeden Montag trafen sich Hilde und ihre Freundinnen. Morgens stand sie also früh auf um Kuchen zu backen. Die Montagsrunde gibt es heute noch. Selbstverständlich wird immer noch Kaffee getrunken und Kuchen gegessen. „Das wäre ganz in Hildes Sinne gewesen - um das leibliche Wohl aller hat sie sich stets gesorgt”, erklärt Brigitta die heutige Organisatorin der Montagsrunde. Sie schmunzelt und blättert durch die alten Dokumente des Ortsvereins.

Hilde wollte einmal eine Ampel aufstellen lassen, damit an einer vielbefahrenen Straße Kinder und ältere Menschen sicher die Straße überqueren können. Die Voraussetzung für ein solches Projekt war allerdings, dass eine gewisse Anzahl von Autos und Fußgängern die Straße nutzen. Also nahm sie sich einen Stuhl und setzte sich an den Straßenrand. Auto für Auto und Fußgänger für Fußgänger notierte Hilde sich sorgfältig, um ihre Ampel zu bekommen. Typisch Hilde – wo es etwas zu tun gab war sie immer vor Ort. Oft klingelten Nachbarn an ihrer Tür und teilten ihre Anliegen mit Hilde. Ein offenes Ohr hatte sie sowieso immer.

Hilde durchlebte im Krieg eine schwere Zeit. Seitdem verspürte sie immer den Drang, alle anderen Menschen gut zu versorgen und sich pausenlos um das Wohlergehen ihrer Liebsten zu kümmern. Und ihre Liebsten waren einige. Auch als Hildes vier Kinder schon ausgezogen waren, gab es reichlich zu essen im Hause Kierblewsky. Sabine erzählt, dass ihre Mutter den Kühlschrank „jederzeit voll genug hatte, um eine sechsköpfige Familie zu ernähren.“ Wenn sie an ihre Mutter zurückdenkt, muss sie schmunzeln ...

Anlässlich eines AWO-Sommerfestes am 10.6.1994 in Soest wurde die AWO-Verdienstmedaille an Hildegard Kierblewsky verliehen.

www.awo-soest.de

Audio
Zwei Kinder von Hildegard Kierblewsky: früher und heute
Autoren
Judith Mackel, Westf. Hochschule Gelsenkirchen
Lisa Murach, Westf. Hochschule Gelsenkirchen
Marie Herrmann, Westf. Hochschule Gelsenkirchen